„Moon days“, der Schlaf und der weibliche Zyklus

„Moon days“, der Schlaf und der weibliche Zyklus

von | 19. Feb. 2021 | -Deutscher Blogeintrag, Allgemein, Ashtanga Vinyasa Yoga

Die „hard-core“ Ashtangis praktizieren normalerweise 6 Mal die Woche, idealerweise morgens. Allerdings fällt meistens jede zweite Woche die Praxis einmal zusätzlich aus: denn man soll (wenn man ansonsten eine tägliche Praxis hat) an Neumond und an Vollmond nicht praktizieren. Meine Sanskrit-Lehrerin Zoë liebt diese moon days: „Ein Tag die Woche zusätzlich, wo man ausschlafen kann – und mehr erledigt bekommt.“

Ursprünglich kommt diese Tradition wohl aus der vedischen Astrologie, dem Jyotisha (in Transliteration jyotiṣa, in devanāgarī च्योतिष). Ich kenne mich weder mit westlicher noch mit vedische Astrologie besonders aus, nur so viel: die vedische gibt dem Mond mehr Bedeutung als die westliche. 30 (Mond)Tage ergeben einen vollen Mondmonat. Im Sanskrit heißen diese allgemeinen Mondtage tithi (तिथिः). Die tithis sind die entscheidenden Daten im vedischen Kalender.

Die tithis im vedischen Mondkalender

Es gibt im Web jede Menge Seiten, auf denen Du den tithi für ein bestimmtes Datum feststellen kannst, z.B. hier. Sie geben häufig auch an, ob dieses Datum für ein bestimmtes Vorhaben geeignet ist oder eher nicht.

Insofern geht es streng genommen auch bei den Ashtanga „moon days“ nicht um das gregorianische Kalenderdatum des Neumonds oder des Vollmonds in einem bestimmten Kalendermonat, sondern um den 15. bzw. 30. tithi des jeweiligen Mondmonats. Das Konzept ist vergleichbar mit den im Westen verwendeten Mondkalendern.

Laut Patthabi Jois gibt es an dem 15. und dem 30. Mondtag eines Mondmonats bestimmte astrologische Konstellationen, die das Verletzungsrisiko erhöhen. Mir selbst ist das noch nicht aufgefallen. Andererseits hatte ich vor einigen Jahren mal einen sehr geerdeten und überhaupt nicht esoterisch angehauchten Schüler, der Stein und Bein schwor, dass er sich immer wieder verletzt habe, wenn er an Neu- und Vollmondtagen praktiziert hätte.

Vollmond = Einatmung, Neumond = Ausatmung

Energetisch wird der Vollmond mit dem Teilaspekt des prana (der nach oben gerichteten Energie, prāṇa  bzw. प्राण) gleichgesetzt und der Neumond mit apana (der nach unten gerichteten Energie, apāna, अपान). In dem Sinne entspräche der Vollmond dem Punkt der stärksten Einatmung (viel Energie, weniger Erdung) und der Neumond dem Punkt der stärksten Ausatmung (gute Erdung, aber eher träge).

John Scott hat berichtet, dass Patthabi Jois die Mondtage jeweils so legte, wie sie ihm in seine Wochenplanung passten. Von daher ist es wie häufig im Leben: kenne die Regel (oder die Tradition) und entscheide für Dich, ob und wann Du Dich daran hältst.

Da zumindest derzeit nur wenige in meiner Shala (aktuell on-line Shala) gibt, der 6 Mal die Woche praktiziert, biete ich auch an „moon days“ Unterricht an. Für meine eigene Praxis halte ich es wie im vorigen Abschnitt beschrieben: wenn ich fühle, dass ich an einem Neu- oder Vollmond eine Pause brauche, gönne ich sie mir. Das mache ich allerdings auch an anderen Tagen. Es ist immer wichtig, auf den eigenen Körper zu hören. Die Kunst ist dabei natürlich, den Körper nicht mit dem inneren Schweinehund zu verwechseln ?.

Patricia Alexandre,
https://pixabay.com/de/users/photo-graphe-2867425/

Was hat jetzt all‘ das mit dem Schlaf zu tun?

Nun ja, auslösend für diesen Blog sind zwei im Januar erschienene wissenschaftliche Artikel, auf deren Ergebnisse ich Dich aufmerksam machen will.

Schließlich stehst Du ja vielleicht als „Mondfühliger“ oder „Mondfühlige“ schnell im Ruf, Dir etwas einzubilden. Nein, Du bildest Dir wahrscheinlich betreffend des Themas „Mondfühligkeit“ nichts ein. Zumindest nicht gemäß des im Januar in Science Advances, der öffentlich zugänglichen Fachzeitschrift der American Association for the Advancement of Science, veröffentlichten Artikels: „Moonstruck sleep: Synchronization of human sleep with the moon cycle under field conditions“ („Mondsüchtiger Schlaf: die Synchronisierung des menschlichen Schlafs mit dem Mondzyklus unter Feldbedingungen“, meine Übersetzung).

Forscher aus den USA und Argentinien haben Schlaf-Studien durchgeführt: zum einen mit Angehörigen eines bestimmten Volksstamms in Argentinien (knapp unter 100 Personen) in drei Settings: eine Gruppe mit städtische Lebensweise mit voller Elektrifizierung und zwei Gruppen mit dörflicher Lebensweise, wobei eine der beiden Gruppen teilweise Elektrizität (und damit auch elektrischen Licht) zur Verfügung hatte und eine andere keine Elektrizitätsversorgung hatte. Außerdem haben sie noch eine Gruppe von „urbanen post-industriellen“ Studentinnen und Studenten untersucht (fast 500 Personen).

Bei allen 4 Gruppen fanden sie, dass in den 3 bis 5 Tagen vor Vollmond die Schlafdauer am kürzesten war, unabhängig davon, ob es auch elektrisches Licht gab oder nicht. Bei den beiden dörflichen Gruppen (die nicht bzw. nicht so mit elektrischem Licht ausgestattet waren) zeigte sich auch ein Einfluss des Neumonds, also ein 15-Tages-Rhythmus. Dies konnten sie bei den „Städtern“ nicht feststellen.

Zumindest für den Vollmond wäre das auch eine Erklärung für ein erhöhtes Verletzungsrisiko: wir sind einfach durch das schlechtere Schlafen vor dem Vollmond unausgeschlafener ?.

Mache Dir auf jeden Fall keine Sorgen, wenn Du schlechter schläfst vor dem Vollmond. Du bist damit echt nicht alleine auf diesem Planeten.

Die Mondzeit der Frauen – der Name macht Sinn

Im gleichen Heft wurde eine Studie von Forschern aus Deutschland mit je einem Kollegen aus Argentinien und in den USA veröffentlicht, bei der der Menstruationszyklus untersucht wurde, und zwar nicht nur zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern über Jahrzehnte, basierend auf den Aufzeichnungen der Frauen. Die Publikation findest Du hier.

Im Gegensatz zu dem erstem Artikel war die Zahl der untersuchten Personen limitiert, gerade mal 22 Frauen. Allerdings finde ich das schon eine Leistung: ich denke nicht, dass es so viele Frauen gibt, die sich über Jahrzehnte für jeden Zyklus die Details aufschreiben.

Ausgangspunkt der Untersuchung war der Umstand, dass es in der Wissenschaft kontrovers diskutiert wird, ob es einen Einfluss des Mondes auf unser Fortpflanzungsverhalten gibt, wie es bei vielen im Wasser lebenden und auch einigen an Land lebenden Lebewesen erwiesen ist. Dafür spricht, dass der weibliche Zyklus im Durchschnitt in etwa ebenso lang ist wie der Mondzyklus. Dafür spricht auch das Ergebnis einer Reihe früherer Studien, dass Frauen, deren Zykluslänge nahe an den ca. 29,5 Tagen des Mondzyklus sind, die höchste Wahrscheinlichkeit haben, schwanger zu werden. Bei diesen Frauen fand sich auch ein statistisch eindeutiger Zusammenhang zwischen dem Beginn der Blutung und dem Vollmond. Andere Studien, die sich nicht auf Frauen mit einem „Mond-nahen“ Zyklus beschränkten, konnten diese Zusammenhänge aber nicht bestätigen.

Interessant ist auch, dass zwei große Studien, die zwischen 250.000 und 500.000 Geburten analysierten, feststellten, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Geburt an einem Vollmond 2 -3 % höher ist im Vergleich zum Durchschnitt und um einen ähnlichen Prozentsatz niedriger bei Neumond. Insgesamt gibt es allerdings weiterhin im allgemeinen eine große Skepsis, ob es wirklich einen Einfluss des Mondes auf menschliches Verhalten gibt.

Das Besondere an dieser Studie ist, dass sie bewusst sich auf Individuen konzentriert, von denen Langzeitdaten verfügbar sind (bis zu 32 Jahre!), und sie Fall für Fall analysierten.

Außerdem wurde nicht nur der Lichteffekt analysiert (heller Beginn der Nächte bei Vollmond, dunkle Nächte bei Neumond), sondern zusätzlich auch, inwieweit die Anziehungskraft des Mondes, die ebenfalls periodisch schwankt, eine Rolle spielt.

Ich erspare Dir die Details (nur so viel: es gibt gleich drei unterschiedliche Mondzyklen, die man messen kann, von denen zwei vor allem die Anziehungskraft beeinflussen). Die höchste Anziehungskraft übt der Mond aus, wenn er der Erde am nächsten steht und gleichzeitig Neu- und oder Vollmond stattfindet. Dies passiert alle 206 Tage (also ca. alle 7 Monate).

In der Studie zeigte sich, dass alle drei Mondzyklen bei den untersuchten Frauen den Beginn der Blutung beeinflussen, wobei der „übliche“ Zyklus von durchschnittlich 29,53 Tagen den größten Einfluss hat. Bei diesem Zyklus ist die Schwankung am kleinsten – zwischen 29,27 und 29,83 Tagen.

Die Detailauswertung ergab, dass sowohl zwischen den Frauen als auch über die Jahre bei ein- und derselben Frau die Zykluslänge stark variierte. Bei allen Frauen nahm die Zykluslänge mit zunehmendem Alter ab. Mit einer Ausnahme gab es bei allen Frauen Zeiten, in denen ihre Periode (und damit um 2 Wochen verschoben auch der Eisprung) mit dem Neumond bzw. häufiger dem Vollmond zusammenfielen (ca. 25 % der Zeit, so lange die Frauen unter 35 Jahre alt waren).

Ab einem Alter von 35 Jahren nahm die „Koordination“ deutlich ab – und auch ein anderer Faktor spielte eine große Rolle: Nachteulen, die viel Kunstlicht nachts abbekamen, fielen auch aus dem Raster, auch wenn sie jünger als 35 Jahre waren.

Interessant war auch, dass statistisch gesehen bei allen Frauen, die Kinder auf die Welt gebracht hatten, die letzte Blutung vor der Schwangerschaft kurz vor oder nach einem Neu- oder Vollmond stattfand.

Auch die Schwankungen in der Anziehungskraft des Mondes hatten – jeweils immer nur für bestimmte Zeiträume – einen Einfluss auf das Menstruationsverhalten, allerdings etwas weniger als der Zyklus des Mondlichtes.

Die größte Koordination zwischen dem Zyklus des Mondes und dem Zyklus der untersuchten Frauen fand sich immer dann, wenn der Mond sich näher an der Erde aufhielt. Insofern wirken die beiden oben erwähnten Zyklen (Vollmond, Neumond, und nah bzw. fern von der Erde) zusammen.

Wie genau wir (oder zumindest die Frauen) den Einfluss der Anziehungskraft des Mondes wahrnehmen, ist noch unklar. Es können atmosphärische Einflüsse sein (der Luftdruck schwankt auch mit den Mondumläufen), magnetische Einflüsse (der Mond beeinflusst auch das Erdmagnetfeld – und es wurde bei bestimmten Tierrassen nachgewiesen, dass sie diesen Effekt spüren können).

Der Einfluss ist übrigens größer im Winter als im Sommer – was bezüglich des Lichtes unmittelbar ein“leuchtet“, bezüglich der Anziehungskraft weniger.

Frauen wissen das schon immer, glaube ich – nicht umsonst nennt man die Menstruation ja auch die „Mondzeit“. Schön, dass jetzt auch die Wissenschaft nachzieht, die zu diesem Thema lange Zeit eher sehr skeptisch war.

Und als Zusammenfassung über beide Artikel – solltest Du so lange ausgehalten haben:

Wenn Dir als Frau mal wieder jeman(n)d erzählt, dass Du Dir einbildest, dass Du den Mond fühlen kannst, hast Du jetzt zumindest auch ein paar wissenschaftlich fundierte Publikationen auf Deiner Seite ?. Und als mondfühliger Mann natürlich auch, denn die Schlafstudie war nicht auf Frauen beschränkt.

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